Entwicklungspolitik vielfältig, lebendig, jung
  • Ein Land, eine Welt, eine Zukunft

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    VoPo beim Blick über den Tellerrand. (c) Library of Congress

    VoPo beim Blick über den Tellerrand 1961. (c) Library of Congress

    Schicke Sachen, aber leere Gesichter

    Die kürzlich verstorbene DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley sagte vor einem Jahr im SZ-Interview: “Ich habe lange außerhalb von Deutschland gelebt. Als ich im vergangenen Jahr zurückkam, fiel mir auf, dass die Beziehungen zwischen den Menschen kälter geworden sind. Die Leute haben schicke Sachen an, aber leere Gesichter.” Zwar freue sie sich über den Mauerfall, das einzige Versprechen, das die Einheit wirklich eingelöst habe, sei jenes der “blühenden Landschaften” gewesen.

    Schrumpfende Städte grau/bunt

    Schrumpfende Städte grau/bunt (c) www.shrinkingcities.com

    Diesem Eindruck kann man sich in der Tat schwer entziehen, wenn man sich die Braunkohle-geschwärzten ostdeutschen Städte und Dörfer von 1989 in Erinnerung ruft und mit den bunten Fassaden von heute vergleicht. Aus Grau wurde Pastell. Wo früher der Trabant mit 100 Sachen über die Autobahn holperte und auf dem endlos langen Weg an die Ostsee sekündlich von Betonplatten gerüttelt wurde, fordern heute gesamtdeutsche ADAC-Mitglieder auf dreispurigen Autobahnen “Freie Fahrt für freie Bürger”. Und ja, weniger Industrie oder, der Wiedervereinigung sei dank, gleich gar keine mehr, bedeutet irgendwie auch mehr Natur, mehr Blumen, mehr Blühen.

    Meine Welt keine Zukunft

    Jedoch, blühende Landschaften, bunte Häuser und neue Autobahnen geben noch längst nicht allen Lebewesen einen Lebenssinn. Das führt nicht zuletzt zu einer anhaltenden, innerdeutschen Migration, die sich in leeren, überalterten Landstrichen und schrumpfenden Städten zeigt, wie Einheits-Publikation und Einheits-Quiz des statistischen Bundesamtes zeigen. “Meine Welt keine Zukunft”, sagte sich da manch einer und suchte im besten Falle das Weite oder beteiligte sich, und das ist weniger schön, an der Suche nach Feindbildern und dem ostdeutschen Paradox von mehr Ausländerfeindlichkeit bei weit weniger Ausländern. Die durch die Art der Wiedervereinigung bedingte Abwanderung bzw. Zuwanderung, und ein damit verbundener, gewaltiger “Brain Drain” bzw. “Brain Gain” – der Osten bildet für den Westen aus – scheint eine Spirale in Gang gesetzt zu haben, die sich so leicht nicht umdrehen lässt.

    Die Fünfundsiebzig-Prozent-Hürde

    Die Fünfundsiebzig-Prozent-Hürde (c) Statistisches Bundesamt

    Eines ist sicher, monetär gemessen stehen die Deutschen heute, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, besser da als 1990. Die Haushalte in Ost und West verfügen über mehr freies Einkommen als vor 20 Jahren, wobei der Anstieg insbesondere in Ostdeutschland gewaltig war. Allerdings hat sich das vielzitierte DDR-Motto “Überholen ohne Einzuholen” längst in eine resignierte, ostdeutsche Befindlichkeit des “Aufholens ohne Einzuholen” verwandelt. Nach anfänglichen Zugewinnen stagnieren die ostdeutschen Löhne auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung auf 75% des Westniveaus. Niemand weiß, wo sich das restliche Stück des Kuchens versteckt. Und in Westdeutschland fragt man sich beim Ost-West-Fassadenvergleich in manchen Innenstädten, ob dem Aufbau Ost nicht längst der Aufbau West folgen müsste.

    Was kostet die Welt

    Kürzlich schätzte das IWH Halle die bisher aufgelaufenen Kosten für die deutsche Einheit auf 1,3 Billionen Euro. Das sind durchschnittlich 178 Millionen Euro am Tag oder 2 Euro, die jeder Deutsche seit nunmehr zwanzig Jahren täglich in das Wiedervereinigungssparschwein steckt. Pro Jahr entspricht das dem Zehnfachen der deutschen Entwicklungshilfe (ODA), die seit langen hinter den Milenniums-Versprechungen hinterher hinkt: Der Aufbau Ost eben kommt vor dem Aufbau der Welt.

    Zumindest monetär, denn emotional hat sich die Ossi-Wessi-Diskussion der Nachwendezeit längst in eine gemeinsames, gesamtdeutsches Zittern vor den Folgen der Globalisierung gewandelt. Die nachwachsende Generation schert sich mittlerweile mehr um ihren Facebook-Status als um irgendeine, wie auch immer geartete Ostalgie ihrer Eltern. Die “Zonenkinder” sind erwachsen geworden und haben die Suche nach der verlorenen Kindheit längst aufgegeben. In gewisser Weise geht es ihnen wie allen Menschen mit Migrationshintergrund, nur dass sie nicht ihre Heimat verließen, sondern ihre Heimat sie verlassen hat, ohne dass sie sich bewegten: Es war kein “go west”, der Westen kam über sie und aß ihre Geschichte auf.

    Auch ein Beitrag zur Ossi-Wessi-Diskussion (c) Yang Liu

    Ohnehin ist es amüsanter und spannender zu sehen, wie sich der Osten vom Westen unterscheidet, wenn man China mit Deutschland vergleicht, wie es die in Berlin lebende Künstlerin Yang Liu unlängst getan hat. Oder wenn man das Reich der Mitte wieder eben dorthin rückt, wie es der Courrier International in seiner aktuellen Spezialausgabe tut. Dann liegt Nordamerika plötzlich im Osten und Europa am westlichen Rand der Welt.

    Perspektivenwechsel oder alter Hut: Das Land der Mitte. (c) Courrier International

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