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  • Genderzid – mehr als 100 Millionen Mädchen weltweit verschwunden

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    Die britische Wochenzeitschrift The Economist widmet seine Ausgabe in dieser Woche einem Titelthema, dass der Gender-Debatte eine neue Schärfe verleiht: Gendercide. (www.economist.com)

    “Stellen Sie sich vor”, heißt es, “Sie sind die eine Hälfte eines jungen Paares, welches sein erstes Kind erwartet und in einem schnell wachsenden armen Land lebt. Sie sind Teil der neuen Mittelklasse, Ihr Einkommen steigt, Sie wollen eine kleine Familie. Doch traditionelle Sitten beherrschen die Welt um Sie herum, insbesondere was die Vorliebe für Söhne gegenüber Töchtern betrifft. Vielleicht ist harte körperliche Arbeit noch immer vonnöten um die Familie zu ernähren. Vielleicht kann nur ein Sohn Grund und Boden erben. Vielleicht ist eine Tochter dazu bestimmt bei der Hochzeit Teil einer anderen Familie zu werden aber Sie wünschen sich jemanden, der sich um Sie kümmert, wenn Sie alt sind. Vielleicht braucht sie eine Mitgift.

    Jetzt stellen Sie sich vor, sie haben gerade eine Ultraschall-Untersuchung hinter sich. Diese kostet 12 Dollar, aber das können Sie sich leisten. Der Ultraschall-Scan sagt, das ungeborene Kind sei ein Mädchen. Sie selbst hätten lieber einen Jungen. Der Rest Ihrer Familie schreit förmlich danach. Sie würden es sich nie träumen lassen ihr kleines Töchterchen zu töten, wie sie es draußen in den Dörfen tun. Aber Abtreibung scheint etwas ganz anderes zu sein. Was tun Sie?”

    In einigen Ländern, wie etwa in China oder im Norden von Indien, haben solche oder ähnliche Szenarien bereits dazu geführt, dass für 100 Mädchen durchschnittlich mehr als 120 Jungen geboren werden. Der “natürliche” Überhang liegt bei nur 105. Insofern scheint das Wort Genderzid durchaus angebracht. Millionen Frauen und Mädchen fehlen weltweit, sie wurden abgetrieben, getötet oder bis zum Tode vernachlässigt. Bereits 1990 schätzte der indische Wirtschaftswissenschaftler Armatya Sen ihre Zahl auf 100 Millionen. Es dürften inzwischen deutlich mehr sein.

    Quelle: AFP/ UN / The Economist 2010

    Die Vorliebe für Jungen ergibt sich aus einer Verbindung von überkommenen Traditionen und moderner Lebensweise, die kleine Familien bevorzugt. War es in früheren Großfamilien noch wahrscheinlich, dass irgendwann auch ein Sohn geboren würde, der das elterliche Haus erbte, scheint man dieser Vermutung in heutigen Familien mit nur einem oder wenigen Kindern keinen Glauben mehr zu schenken. Umgekehrt können Wohlstand und Bildung allein das Problem nicht stoppen. In China und Indien sind insbesondere die reichen und gut ausgebildeten Regionen jene mit den zahlenmäßig dramatischsten Geschlechterverhältnissen. Selbst in reichen Ländern wie Taiwan und Singapur zeigt sich das Problem. Insofern kann Chinas Ein-Kind-Politik nur als ein Aspekt jedoch nicht als alleinige Ursache des Übels angesehen werden.

    Südkorea hat einen möglichen Weg aufgezeigt und konnte die Entwicklung bereits in den 1990er Jahren umkehren. Alle noch immer betroffenen Länder müssen die Wertschätzung für Frauen und Mädchen politisch fördern und unterstützen, um überkommene Traditionen aufzubrechen. Dazu gehört nicht nur, Frauen den Zugang zu Bildung zu ermöglichen oder in China die Ein-Kind-Politik abzuschaffen. Es müssen auch gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, die Frauen und Mädchen das Erben ermöglichen. Außerdem müssen Frauen als Teil des öffentlichen Lebens wahrgenommen und anerkannt werden, und zwar im gesamten Spektrum von der Nachrichtensprecherin, über die Politikerin und Richterin bis hin zur Polizistin. Nur so kann langfristig einem fortgesetzten Genderzid entgegengewirkt werden.

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