Wettbewerb als Quelle des Übels?

Eine These zur Frage der Verwerflichkeit des Wettbewerbs bei Menschen. Inklusive eines Gegenkonzepts als Alternative: Kooperation.

Von Kindesbeinen an hören wir, der Wettbewerb ist gut und der macht uns besser – mehr noch, er ist entscheidend für die Menschheit. Doch stimmt das wirklich? Das Prinzip des Wettbewerbs ist die Domestizierung des Krieges, das wiederum auf Wettbewerb basiert – ein sich selbst erklärender Kreislauf.

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Viele Menschen und dazu gehöre auch ich, empfinden Wettbewerb insgeheim als belastend. Doch erzählt man uns schon immer, der Wettbewerb ist wichtig, gar gut. Die Wirtschaft spricht von Wettbewerb, die Nationen wetteiferten, beim Fußball gibt es Wettbewerb und ja, selbst die Natur vollzieht den Wettbewerb: Fressen und Gefressen werden. Doch der Mensch ist ein Kulturwesen, kein Naturwesen. Der Mensch betrachtet alles aus seiner kulturell definierten Sicht heraus und dort steht, wie ein Naturgesetz: Wettbewerb ist Natur.

Wettbewerb ist gut

Obwohl man sich im Wettbewerb unter Druck setzen muss, was Stress auslöst, glauben alle Wettbewerb ist gut. Wie kann ein derart unangenehmes Gefühl, gut für uns sein? Wenn schon das Gefühl sagt, das ist nicht gut. Okay, das trifft sicherlich nicht auf alle zu, manche streben nach diesem Gefühl. Manche machen auch regelmäßig Extremsport und riskieren ihr Leben dabei, doch das trifft sicherlich nicht auf die Allgemeinheit zu.

Woher wissen wir dann, dass es gut ist. Es wurde uns eingetrichtert – von Anfang an. Wenn Du jeden Tag hörst, Arsen fördert die Gesundheit, glaubst Du es irgendwann. Das Prinzip des Wettbewerbs ist erlernt, es ist kein natürliches Prinzip.

Wettbewerb ist Natur – schau dir die Tiere an

Der Verweis auf die Natürlichkeit des Prinzips des Wettbewerbs wird meist mit dem Blick in die Tierwelt untermauert. Die Tiere konkurrieren um ihre Beute, sie fressen und werden gefressen – das Ideal des Wettbewerbs; in der Tat. Der Wettbewerb ist das Prinzip des Krieges. Der Krieg, und das ist eine weitere Unterthese, entstand im geplanten und großangelegten Maßstab, mit der Neolithischen Revolution – der Beginn des Ackerbaus.

Zuvor waren die Menschen sogenannte „Jagende und Sammelnde“, was natürlicherweise einige Schwierigkeiten mit sich brachte überhaupt zu überleben. Mit der Entwicklung des Ackerbaus lösten sich diese Probleme und die Bevölkerung nahm zu. Das bedeutete, dass man mehr Erträge aus dem Boden zog und mehr Zeit für das Liebesspiel hatte. Auch die Kultur nahm in dieser Epoche der Menschheit zu. Man könnte jetzt denken, wenn der Mensch keine Probleme mehr hat sucht er sich neue. Ich würde es etwas differenzierter betrachten.

In dieser Kultur entwickelte sich die Idee des Wettbewerbs, vielleicht sogar um Innovationen zu stärken. Aus der Idee entwickelte sich der Krieg als absoluter Wettbewerb mit dem höchst möglichen Einsatz: Dem Leben.

Vor allem in der Antike prägte sich dieses Ideal mit Homer und Odysseus. Ein Leben in Gefahr und Abenteuer im Wettbewerb mit der Natur- und Göttern. Das Prinzip trägt sich weiter im Mittelalter, mit den Rittern die sich in Turnieren und Kämpfen messen. Die Religionen, die sich messen. Das Prinzip, dass Gott mit dem ist, der gewinnt – entsteht im Mittelalter. Es ist die logische Fortführung des Wettbewerbsprinzips auf das Christentum. Auch in den christlichen USA entsteht das Prinzip, dass der Reichtum ein Geschenk Gottes ist. Wenn Du gut bist, war Gott auf Deiner Seite oder wie sagt man im Christentum: Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott. Die Antike war schon immer das verklärte Ideal der Herrschenden in Europa. So haben alle Kaiser von Karl dem Großen bis zum Ende der Monarchie ihren Stand mit dem von Caesar und deren Konsorten verglichen. Bis heute gibt es Referenzen auf das Römische Imperium. Und sie hatten viele ihrer Vorstellungen – auch des Wettbewerbs – von den Griechen übernommen. Griechenland galt als die intellektuelle Ecke im römischen Reich.

All das sind logische Ableitungen des Wettbewerbs. Unser Blick auf die Tiere ist ähnlich – man sieht den Wettbewerb. Doch die Tiere leben nicht in einer menschlichen Kultur mit Arbeitsteilung und technischer Entwicklung. Der Wettbewerb zwischen den Arten ist doch nicht gleich zu setzen mit dem menschlichen Wettbewerb in einer Art. Und selbst in puncto Neandertaler hat man inzwischen beweisführende Indizien, dass die Neandertaler nicht vom modernen Menschen ausgerottet wurde, sondern die  Neandertaler im modernen Menschen aufgegangen ist – ja wir alle tragen noch seine Gene in uns!

Und selbst vor der neolithischen Revolution waren die Menschen untereinander kaum im Wettbewerb, vermutlich wären sie dann nicht einmal aus Afrika rausgekommen. Nein, das ursprüngliche Prinzip und das werde ich im Weiteren erläutern, ist die Kooperation. Nur kooperative Kulturen haben länger überdauert.

Geschichte der Menschen und Kooperation

In der Geschichte der Menschheit gab es schon viele Überlegungen und Strategien für das Zusammenleben. Eine entstand im alten Griechenland und ist heute unter Demokratie bekannt. Andere Kulturen brachten andere Ideen hervor, wie die, einfach die Nachbarn zu überfallen. Die Assyrer taten das in einer Epoche ihrer Existenz. Die erfolgreichsten Modelle entstanden durch Kooperationsmodelle.

Das Kooperation auch unter Zwang ausgeübt werden kann, tut der These keinen Abbruch. Die römische Kultur mit ihrem Pax Romana okkupierte das Land und forderte Steuern und zuweilen Männer für das Heer. Sie bauten aber auch die Infrastruktur auf und brachten High-Tech ins Land. Damit köderte man nicht nur die Bevölkerung, sondern förderte auch eine Kooperationskultur. Die Götter durften die Kulturen behalten. Anders hätte man nie ein derartig großes Reich erhalten können. Aber diese Art der Kooperation hat einen Wettbewerbscharakter: die kriegerische Eroberung. Es entspringt der Idee, dass man dem anderen erst mal klar machen muss, wer das Sagen hat.

Doch wollten nicht wenige „barbarische“, also nichtrömische, Kulturen Teil des römischen Reichs werden. Einige Stämme, wie die Goten, zogen Jahrzehnte lang für dieses Ziel quer durch Europa. Doch sie wollte man nicht haben – Wirtschaftsflüchtlinge! Sie stürzten das römische Imperium, dabei wollten sie eigentlich ein Teil davon sein. Das erinnert an die heutige EU und ihre Flüchtlingspolitik.

Nehmen wir aber die Hugenotten, die unbeliebten Protestanten aus vor allem Frankreich. Sie bauten aus Dank für ihre Aufnahme in Berlin durch die Preußen einen ganzen Platz auf, der heute als Gendarmenmarkt zu bestaunen ist. Oder die im Mittelalter unbeliebten Juden, standen nicht ohne Grund zuweilen unter dem Schutz des Kaisers. Denn sie brachten Geld ein. Kooperationen lohnen und sie bringen mindestens genau so viel, wenn nicht mehr, Innovationen zu Tage wie Wettbewerb.

Wettbewerb und die Innovationen

Im Krieg entstehen die besten Innovationen, so ein Argument für das Prinzip des Wettbewerbs. Gummi, Atomkraft oder Flugzeug seien Errungenschaften, die im Krieg entwickelt wurden. Bei Waffen müsste ich wohl zustimmen, aber alles andere?

Der Grund, warum gerade in Kriegszeiten soviel entwickelt wurde, liegt m.E. nicht etwa in der Not der Umstände begraben. Nein. Die vielen Gelder, die dann dafür abgestellt werden und die großen Anstrengungen sind es, die die Innovationen befördern, nicht der Wettbewerb oder gar die Not. Die Überlegung zum Bau einer Atombombe gab es überall auf der Welt, die USA haben nur die entsprechenden Ressourcen und den politischen Willen gehabt, die Entwicklung durchzuziehen. Die künstliche Herstellung von Gummi gelang Deutschland zuerst, aber auch andere waren da dran. Und das Flugzeug war schon seit jeher ein Traum der Menschheit.

Überlegen wir aber mal folgendes, ganz idealistisch: Würden diese Forschenden zusammenarbeiten – miteinander nicht gegeneinander – hätten sie dann die Innovationen nicht schneller entwickelt? Klar die Waffenentwicklung würde hinterher hinken und wenn eines Tages Außerirdische vor uns stehen, hätten wir keine besseren Waffen als diejenigen heute. Wobei ich mir vorstellen kann, dass es Leute geben wird, die weiterhin Waffen entwickeln.

Kooperationen hätten auch noch einen anderen, entscheidenden Vorteil. Steht man nicht mehr im Wettbewerb zueinander, was eine innerliche Einstellung ist, muss man weniger Krieg führen. Nebst der m.E. besseren Innovationskraft, als im Wettbewerb.

Aber es könnte auch weitere Kreise in der Gesellschaft ziehen. Die Abwesenheit von Wettbewerb würde die Wirtschaft dramatisch ändern. Das ganze Prinzip der Börsenspekulation basiert auf Wettbewerb, nicht so sehr zwischen Menschen, sondern zwischen askribierenden Geldmitteln.

Der Kapitalismus ist, wie der Krieg, der vollendete Wettbewerbsgedanke. Wettbewerb zwischen Gruppen mit Waffen, Wettbewerb zwischen den Arbeitnehmenden und den Arbeitgebenden – untereinander.

Abschließend möchte ich noch ein Wort über den Fußball verlieren. Das Spiel offeriert den domestizierten Krieg, die entsprechende Mentalität lässt sich nicht selten bei Krawallen erkennen. Der faire Wettbewerb wird im Sport am häufigsten benannt. Wenn es im Falschen nichts Richtiges geben kann, dann gibt es wohl auch keinen fairen Wettbewerb. Der Wettbewerbsgedanke im Sport entstand ebenfalls dem antiken Griechenland unter dem Stichwort Olympia. Es ist schon damals, vielleicht bewusst, eine Domestizierung des Krieges als Wettbewerb. Zur Zeit von Olympia durfte kein Krieg stattfinden, vielleicht damals schon eine Maßnahme um die Kriegslust zu bändigen.

Wettbewerb fördert vor allem Feindschaft, besteht auf Unterschiede und ist ein Prinzip die Menschen zu kontrollieren. Wer sich dem Prinzip unterwirft, akzeptiert die Dominanz des Siegers. In der Antike hieß das nicht selten, totale Verwüstung des Besiegten. Heute heißt das, ich akzeptiere das mich dominierende Geld. Denn ich könnte ja im Wettbewerb der Wirtschaft selbst für meinen Reichtum sorgen und dann würde es mir besser gehen. Doch gerade dieser Weg, um eine alte Punkband („Anarchist Academy – Wer das Geld, hat die Macht„) zu zitieren, ist es, was mir nicht gefällt.

Denn Wettbewerb fördert auch den Betrug und wer heutzutage nicht über den Tisch gezogen werden möchte, muss gut aufpassen.

Ist Wettbewerb als gut? Ein gutes Prinzip? Fördert es die Innovation und ist es es natürlich, wenn der Mensch doch gar kein Naturwesen mehr ist. Alles beim Menschen ist erlernt, außer vielleicht wenigen geborenen Fähigkeiten. Was Du magst oder nicht magst, liebst oder hasst – alles ist erlernt. Deine gesamten kognitiven Fähigkeiten sind erlernt, deine Art zu agieren und sich zu geben. So auch die Sicht der Dinge, wie Du sie wahrnimmst. Für die Geisteswissenschaffenden: Ja, ich referiere auf Foucault hierbei.

Die Sicht der Menschen auf die Dinge ändert sich über die Jahrhunderte immer wieder und damit auch der Blick auf sich selbst. Der Wettbewerbscharakter wird nie hinterfragt, dabei ist er m.E. die Quelle für so viel Elend in der Welt.

Daher denke ich das Konzept des Wettbewerbs sollte zumindest hinterfragt werden und die Kooperation in den Vordergrund gestellt werden.

24. April 2015 in Kultur & Zuhause, Story-Kommentar

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One Response to Wettbewerb als Quelle des Übels?

  1. sickboy 26. April 2015 at 16:10 #

    Ein interessanter Gedanke, aber Krieg und Wettbewerb hat sich in fast alles Kulturen gebildet. Aber die hatten auch von je her, Kontakt zueinander. Von daher…

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