Video Dana Ross zur 40 Stundenwoche: Arbeitsmoral Generation Z & die Boomer
Video Dana Ross zur 40 Stundenwoche: Arbeitsmoral Generation Z & die Boomer

Die Aufregung um die Sängerin Dana Rosa und ihr Bekenntnis zum Leben. Die individuelle Sicht auf ein gesellschaftliches Phänomen, das religiöse Züge angenommen hat.

Vor Kurzem legte eine junge Frau auf einem Social-Media-Kanal ihre Emotionen zur Vorstellung einer 40 Stundenwoche dar. Sie beklagt darin, dass die Gehälter zu niedrig sind und auch, dass ihr Leben bei einem 40 Stunden-Job zu kurz käme. Es gäbe 30 freie Wochentage gegenüber 230 Arbeitstagen im Jahr. Das erlaube keinen größeren Freundeskreis, denn Freunde sind zeitintensive soziale Arbeit. Kurz: Das eigentliche Leben käme schlichthin zu kurz. Und wenn wir ehrlich sind, standen wir alle vor demselben Dilemma in dem Alter. Ich kann mich sogar noch an ein Gespräch mit meinem Azubi-Kollegen erinnern, indem ich genau das Thema ansprach. Sinngemäß beklagte ich, im Sommer am Tag nicht ins Freibad gehen zu können und die Freunde höchstens abends zu sehen. Die tatsächlich tröstliche Antwort des Kollegen war: „Aber die anderen sind ja jetzt auch nicht mehr im Freibad.“ Sie hätten selbst keine Zeit mehr, weil sie gleichfalls arbeiteten.

Das Phänomen umfasst schließlich fast alle – die unteren Schichten allemal.  Wir stellten die Pflicht zur Arbeit gar nicht infrage, wir bedauerten lediglich den Umstand. Wenn es doch Gottes Wille ist, so obliegt es nicht uns! Die religiöse Einblendung ist die Nebenhandlung dieses Beitrags, die wenige Zeilen entfernt ist. Die damalige Frage war also, wie hält man das aus? Diese Frage stellt sich diese junge Dame auch.

Als ich den Ausschnitt des Videos in einem Nachrichtensender sah, verstand ich ihr Dilemma. Wer nicht? Aber wir erachten es als naiv, diese Frage zu stellen. Wieso? Weil es einer übergeordneten Moral entspringt, die nicht zu hinterfragen ist?

Die Moderator*innen des Senders empfanden sichtlich kein Mitleid mit ihr. Es diente ihnen der Belustigung, wie vielen anderen Menschen in meiner Generation, der sogenannten Boomer, auch. Den Teil mit der Kritik an den schlechten Löhnen, und Deutschland ist ein Niedriglohnland, wird nicht gezeigt. Unsere Vorstellung eines Lebens geht mit der unüberwindbaren Idee einher, dass man das tun muss, was die Gesellschaft erwartet. Es ist ja nicht nur verpönt keiner geregelten Arbeit nachzugehen, es ist quasi gesetzlich angeordnet, da es mit staatlichen Sanktionen umfasst wird. Die Stammtischparolen dazu kann man sich schenken. Ein Leben außerhalb der Gesellschaft ist nicht möglich.

Von der Arbeitsmoral

Im Mittelalter war es der göttliche Plan, dass eine Elite versorgt wird. Diese 1.000-jährige Bestimmungsauflage sitzt tief im kollektiven Gedächtnis. Mit der Renaissance, der Wiedergeburt der Antike, kam die Moderne, deren Höhepunkte die Aufklärung und die Konstatierung der Grundrechte waren. Arbeit wird zum Recht erklärt, in Teilen sogar zur Pflicht. In diesen Vorstellungen ist Arbeit immer eine Form gesellschaftlichen Maßes. Man brauchte die Arbeit, um die Gesellschaft am Leben zu erhalten. Ohne die Abläufe der gesellschaftlichen Arbeitsteilung einzusehen, leistet man seinen Teil mit der Folge, dass die Gesellschaft funktioniert. Natürlich ist der Ablauf so uneinsichtig, dass sich der eine oder die andere etwas bereichert. Aber in eklatanten Fällen ist eine Gestaltung zu Gunsten der einen und Ungunsten der anderen durchaus gewollt.

Früher diente das den Klerikalen und dem Adel, dann den Obrigen, dann den Kapitalstarken; der O-Alliteration wegen: Oberen Zehntausend. Noch Marx sieht in der Arbeit eine Selbstverwirklichung, was selbst aus einer vergangenen Idee stammt. Denn damit wäre Arbeit ein Beruf. Ist man tatsächlich berufen, das zu tun, was wir tun? Wer sich zu seiner Erwerbstätigkeit wirklich berufen fühlt, sich selbst darin verwirklichen kann, der möge jetzt in die Welt rufen. Und der Autoverkehr wäre viel, viel lauter.

Die Arbeit als gesellschaftlicher Dienst, als Selbstverwirklichung, als Freiheit ist in unserer Zeit nichts als ein Häufchen Selbstbetrug. Es zeichnet sich längst ab, dass die Arbeit nicht das Maß der Dinge ist. Die allermeiste Arbeit dient weniger dem gesellschaftlichen Zusammenspiel, als mehr dem Wachstum der Wirtschaft. Das ist die moderne Religion, denn Wachstum verspricht Wohlstand, der gleichbedeutend dem früheren Heil ist. Und das Heil sucht das Herz der Menschen seit der Ablösung des Göttlichen auf immer neue Weisen heim. Das ist der Fluch der Religionen, denn man ist jetzt selbst für das Paradies verantwortlich. Blind hält man daran fest, als stünde das Ablassen davon unter einer divinen Strafe. Eine Wirtschaft ohne Wachstum, so vermittelt es doch alle Welt sich selbst, ginge mit Armut und Sittenverfall einher. Ist dem wirklich so? Dabei tut sich bekanntlich eine ganz andere Größe als Maßstab auf: Die Endlichkeit des Ressourcenverbrauchs dieser Welt. In der Konsequenz hinterfragt die junge Frau auch das.

Was ist Arbeit und wozu dient es?

Reiche Leute nennen es arbeiten, wenn sie ihr Kapital verwalten. Manche Priester nennen es Arbeit, wenn sie beten. Manche Philosophen arbeiten, wenn sie sich den Kopf über die Welt zerbrechen. Arbeit ist im Volksglauben damit verbunden, dass man Geld dafür bekommt. Bekommt man kein Geld, wie bei der Hausarbeit, ist das ja keine ‚wirkliche‘ Arbeit. Geld ist aber sicherlich der entscheidende Punkt. Das Entgelt dient der Finanzierung des Lebens. Habe ich denn tatsächlich die Wahl, meine Wochenstunden zu reduzieren? Bekomme ich einen Job, wo ich genug Geld für das Leben erhalte, aber dennoch selbst über mein Leben verfügen kann?

Der Vordenker des Poststrukturalismus, der zur Postmoderne wurde, T. W. Adorno, formulierte es dereinst so: „Von der Absurdität dessen, daß Leben selber mehr und mehr zum bloßen Anhängsel eben des Berufslebens wird, das Mittel, nicht Zweck des Lebens sein sollte, ist noch das Dasein der eifrigsten Jasager geschlagen.“

[Band 8: Soziologische Schriften I: Aberglaube aus zweiter Hand. Digitale Bibliothek Band 97: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 5017 (vgl. GS 8, S. 166-167)]

Der unkritische Geist hinterfragt nicht, er ergibt sich der Situation. So ist das Leben. Das ist nunmal so. Aber ich frage Dich und beantworte es vor Dir allein: Wenn Du aus dem Leben scheidest, ob mit oder ohne Anschlussverbindung, wirst Du dann tatsächlich denken: „Och man, hätte ich mal mehr gearbeitet?“

Wenn also das Erwerbsleben mein eigentliches Leben finanzieren soll, warum muss ich dann mehr als die Hälfte meiner Lebenszeit darauf verschwenden? Vor diesem Hintergrund, erörtere folgende Begebenheiten: Die Anreise zur Arbeit ist Freizeit. Sie wird nicht bezahlt. Die Tageszeit, zu der Du arbeiten musst, kannst Du Dir nicht aussuchen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Produktivität enorm gestiegen ist. Diese Zeit wird aber nicht eingespart, nein die Produktivitätssteigerung bedeutet für den Menschen mehr Arbeit im gleichen Zeitraum. Der Reduzierung der Stundenwoche gingen harte Kämpfe voraus. Um 1900 lag die wöchentliche Arbeitszeit bei 60 Stunden. 1975 kam die 40 Stundenwoche. Um wie viel Prozent ist im gleichen Zeitraum die Produktivität gestiegen? Diese Kurve von der Dampfmaschine zur KI verläuft als Parabel, nicht linear? Und mit der Digitalen Revolution erhalten wir vermutlich ähnliche Produktivitätssteigerungen, wie zur Zeit der industriellen Revolution.

Und kommt es zur Frage des Geldes, muss die Antwort wie in jeder Epoche Verteilung heißen. Die Produktion ist ausreichend, um die Welt mit Allem zu versorgen. Die elendige Frage nach dem Mehr des politischen Egoismus (siehe dazu: Postmoderne Zeitenwende) endet an dem kläglichen Einkommen der Pflegekräfte und den Einkommen der Investmenttätigen. Die Ungleichverteilung von Geld als Symbol des Ressourcenzugangs ist Quelle des Leids. Es basiert auf einer Erzählung, die einer Religion gleich gelebt wird. Ein Axiom der Erzählung ist die Vermehrung von Geld durch Geld: Ein Perpetuum Mobile kann aber eben nicht funktionieren. Es ist keine Frage des Neids, sondern der Lehren aus der Geschichte und der Vernunft.

Arbeit ist in unseren Tagen keine Selbstverwirklichung und sie geht über den Finanzierungsbedarf eines Lebens hinaus. Gut, einige wollen mehr. Aber dafür wird nicht selten die Arbeit als Ausrede benutzt. Das Konzept des Konsumismus würde an der Stelle aber zu weit führen.

Ist die Erwerbstätigkeit die moderne Fortsetzung des Gottesdienstes? Wie es die Bio-Macht von Foucault beschreibt, will man das ja selbst. Man wird entlohnt. Man verkauft seine Freizeit. Wie viel das aber ist, ist schon vorherbestimmt. Die Wirtschaft bestimmt damit die Position des Individuums in der Gesellschaft. Ein Job, der vormals einem Gott beschieden war. Und man muss sich als Arbeitnehmer ganz schön was sagen lassen. Wann man anwesend zu sein hat, wann man wegdarf und das Recht auf Urlaub ist zu beantragen. Daher kommt auch das Wort „Urlaub“, nämlich von Erlauben und die Erlaubnis bezieht sich auf das Fernbleiben von der Arbeit. Dein Arbeitgeber ist der Herr, in einigen Berufen der Dienstherr. Wer also bist Du?

Bei der Vorstellung, des Gottesdienstes als Arbeit, wird auch deutlich, warum wichtige Jobs in der Gesellschaft viel weniger vergütet werden als beispielsweise Tätigkeiten, die in der Geldvermehrung beheimatet sind.

Warum also leben wir so? Es ist ja nicht in Stein gemeißelt, kein göttlicher Auftrag. Ah, das ist es eben doch. Denn die Wirtschaft ist die aktuelle Religion. Und die neue Zeit der Reformation hämmert sich mit einzelnen „Thesen“ an die digitale Pforte des wenig sakralen Aushangs in Form eines Tik Tok Videos. Fazit: Das Video der Dana Rosa ist eine dieser „95 Thesen“ der digitalen Veränderung, deren Gesamtkonzept ich als Postmoderne bezeichne.

Ein Bruch tut sich auf. Diese Brüche kündigen Veränderungen an. So, wie die Nachrichtenmoderator*innen sich darüber belustigt haben, so lachten einst die Kirchenoberen über Luther, so lachten einst die Firmenchefs über die Gewerkschaften, so lachten einst die Adeligen über die Demokratischen. Diese Brüche ziehen sich quer durch die Gesellschaft und verändern die Sicht der Menschen auf die Dinge und sich selbst. Der Mensch sieht sich nicht mehr als Rädchen in einer Maschine. Die klassischen Arbeiter gibt es ja auch nicht mehr, weswegen, die SPD von links nach rechts gewandert ist. Sie ist nun eine Mehrheitspartei, die ihr Fähnchen in den Wind hängt. Weil CDU und FDP noch nicht genug Fahnen darstellen?

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